Drei Gründerinnen erzählen, wie sie mit Mut, Haltung und trotz Widersprüchen nachhaltige Unternehmen aufbauen.
Immer mehr Gründer:innen wollen nicht mehr nur ein schnell wachsendes Milliarden-Start-up gründen, sondern mit sinnstiftenden Unternehmen den Markt und die Gesellschaft bereichern. Doch was braucht es, um eine nachhaltige Geschäftsidee erfolgreich umzusetzen und vor welchen Herausforderungen stehen Gründer:innen? Darüber haben wir mit drei Berliner Impact-Unternehmerinnen und nawi.berlin Alumni gesprochen.
Die Beispiele von Laura (Crowd Impact / klimaklitsche), Margarete (Stark ins Neue) und Lara (Artenglück) zeigen, wie vielfältig nachhaltiges Unternehmertum aussehen kann und welche Hürden sie dennoch teilen. Ob durch technologische Lösungen zur Messung von CO₂-Bilanzen, durch Coaching und Community-Arbeit oder durch konkrete Naturschutzprojekte: Ihre Ansätze verbindet ein gemeinsames Ziel – Nachhaltigkeit soll kein Aushängeschild sein, sondern das Fundament ihres Impacts.
Vom Aktivismus zur App – klimaklitsche
Laura ist Co-Gründerin der klimaklitsche und brachte mit Crowd Impact eine App auf den Markt, die den CO₂-Ausstoß der Besuchendenmobilität bei Events messbar macht. Die Idee entstand aus eigenem Engagement: „Wir sind ehrenamtlich bei Music Declares Emergency aktiv, einem Verein, die sich für mehr Nachhaltigkeit in der Musikbranche einsetzt. Da sind wir über die Festivals drauf gekommen, dass die größten Emissionen bei Veranstaltungen von der Publikumsmobilität ausgehen.“
Gemeinsam mit ihrem Gründungspartner Julian, der als Nachhaltigkeitsberater arbeitete, suchte sie nach einer Lösung. „Er hat CO₂-Bilanzen für Kulturinstitutionen erstellt und festgestellt, dass es kein Werkzeug dafür gibt.” Also beschlossen sie, das selbst in die Hand zu nehmen. „Wir haben einen rudimentären Prototypen gebaut, den direkt auf einer Veranstaltung getestet und sind sehr früh auf den Markt damit. So konnten wir wertvolles Feedback sammeln, die App verbessern und erste Umsätze machen“, sagt Laura und lacht. „Zum Glück sind uns die ersten Kund:innen, die sich mit Bugs rumgeschlagen haben, treu geblieben.“
Während sie das erzählt, hört man im Hintergrund ihr Baby. Laura nimmt es gelassen. „Die größte Herausforderung ist manchmal, bewusst das Handy und den Laptop wegzulegen“, sagt sie. „Die Trennung von beruflich und privat ist quasi unmöglich, was für uns als Eltern okay ist, aber wir denken schon darüber nach, wie cool das für unsere Tochter ist, wenn man immer erreichbar ist.“ Gleichzeitig habe das Kind ihr geholfen, Prioritäten neu zu setzen: „Es ist auch entschleunigend, weil man sehr limitierte Ressourcen hat. Man lernt, Nein zu Dingen zu sagen, die nicht super wichtig sind.“
Ihr Alltag zeigt, was nachhaltiges Arbeiten auch heißen kann – nicht nur ökologisch, sondern auch persönlich. Nachhaltigkeit bedeutet, niemanden auszubeuten, weder die Ressourcen des Planeten, noch seine eigenen.

Zwischen Impact und Inner Balance
Auf genau dieser inneren Nachhaltigkeit liegt auch Margaretes Fokus. Mit ihrem Start-up Stark ins Neue beschäftigt sie sich damit, wie Kinder inmitten von Veränderung, Leistungsdruck und Krisen gesund und stark aufwachsen können. „Wir setzen uns mit Onlinekursen, Events und Ausbildungen für die Persönlichkeitsentwicklung für Kinder, Eltern und Pädagog:innen ein, um Future Skills und das soziale Miteinander zu stärken“, erklärt Margarete.
Margaretes Motivation stammt aus ihrer eigenen Geschichte. Nach außen erfolgreich im klassischen Wirtschaftskontext kämpfte sie innerlich mit Selbstzweifeln, und einer Essstörung. „So geht es nicht weiter. Ich trete auf der Stelle und muss mich um meine Gefühlswelt kümmern. Also habe ich mit der Persönlichkeitsentwicklung angefangen und, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen.“ Diese persönliche Wende bildet den Kern ihres unternehmerischen Handelns – eine Haltung, die sie heute an andere weitergibt.
Dabei ist Margarete überzeugt, dass individuelle Entwicklung und gesellschaftlicher Wandel zusammengehören. „Wenn man Empathie entwickelt, ist man auch nachhaltiger für die Umwelt – weil’s ein besseres Miteinander gibt.“ Diese Verbindung von innerer Arbeit und äußerer Wirkung prägt ihr Verständnis von nachhaltigem Wirtschaften.
Doch der Weg ist herausfordernd. Vor allem die strukturelle und finanzielle Umsetzung ihres Ansatzes verlangt Durchhaltevermögen. „Wir brauchen ein multiplizierbares Business-Modell, welches auch die Partizipation von Gesellschaft und Unternehmen erlaubt“, sagt Margarete.
Genau daran arbeitet sie derzeit: Mit der geplanten Vereinsgründung möchte sie neue Finanzierungswege öffnen und Kooperationen mit Unternehmen ermöglichen. Fördergelder und Spenden sollen dazu beitragen, die Kurse von Stark ins Neue deutschlandweit zugänglich zu machen – insbesondere für jene Menschen, die sich solche Angebote sonst nicht leisten könnten. Ziel ist es, Strukturen zu schaffen, die Persönlichkeitsentwicklung fest im Alltag verankern, etwa durch Kooperationen mit Schulen oder Ausbildungen für Lehramtsstudierende.
Wo Wirtschaft auf Wildblumen trifft
Während Laura und Margarete sich mit der inneren und strukturellen Seite von Nachhaltigkeit beschäftigen, bringt Lara den Ansatz wortwörtlich auf die Felder. Mit Artenglück will sie zeigen, dass ökologischer Wandel nicht im Widerspruch zur Landwirtschaft stehen muss. „Mir ist wichtig, die Wirtschaft in Deutschland dahin zu transformieren, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaft Hand in Hand gehen“, sagt sie.
Gemeinsam mit ihrem Mitgründer Felix – einem jungen Landwirt – sucht sie nach Wegen, Naturschutz und landwirtschaftliche Praxis zusammenzubringen. „Kernmotivation am Anfang war es tatsächlich, zu schaffen, dass wir Landwirtschaft und Naturschutz zusammenbringen, weil mein Mitgründer selbst junger Landwirt ist und es seit Jahrzehnten häufig Konflikte zwischen Landwirten und Naturschützern gibt.“
Aus dieser Idee entstand ein Geschäftsmodell, das Blühwiesen auf sogenannten Grenzertragsflächen ermöglicht – Standorten also, die für den Ackerbau nicht rentabel sind und daher nicht für die Lebensmittelproduktion genutzt werden. Finanziert werden die Flächen über Patenschaften von Unternehmen und Privatpersonen. So wird der Schutz von Biodiversität direkt in die Wertschöpfung integriert, anstatt als Zusatzaufgabe betrachtet zu werden.
Doch wie bei vielen Impact-Startups war der Weg dorthin kein einfacher. „Wir haben als bootstrapped Start-up natürlich ganz begrenzte Ressourcen. Das heißt, bis wir überhaupt unsere ersten Mitarbeitenden einstellen konnten, haben mein Mitgründer und ich halt sehr, sehr, sehr viel gearbeitet“, erzählt Lara.
Artenglück steht damit exemplarisch für eine neue Generation von Gründer:innen, die wirtschaftlichen Erfolg nicht gegen ökologische Verantwortung ausspielen wollen, sondern beides miteinander verweben. Ihr Ansatz zeigt, dass Nachhaltigkeit kein Ziel am Ende der Wertschöpfungskette ist, sondern der Ausgangspunkt einer anderen Art von Unternehmertum – bodenständig, kollaborativ und mit Blick auf das große Ganze.

Den Mut, Verantwortung zu übernehmen
Was Laura, Margarete und Lara verbindet, ist mehr als der Wunsch, wirtschaftliche Strukturen zu verändern – es ist der Mut, Verantwortung zu übernehmen, wo andere auf Perfektion warten. Ihre Geschichten zeigen, dass nachhaltiges Wirtschaften nicht aus einem Guss kommt: Es kann in einer App entstehen, die CO₂ sichtbar macht, in einem Coaching, das innere Stärke fördert, oder in einer Blühwiese, die Lebensräume schafft. Alle drei Gründerinnen eint die Überzeugung, dass echter Wandel nicht durch Wachstum um jeden Preis entsteht, sondern durch Bewusstsein, Kooperation und das stetige Ringen um Balance. Wirtschaft neu zu denken bedeutet für sie, Menschen und Umwelt wieder in den Mittelpunkt zu stellen – und zu beweisen, dass Sinn und Erfolg sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig beflügeln können.
Und nawi.berlin?
Die Geschichten dieser drei Gründerinnen zeigen, wie vielfältig nachhaltiges Unternehmertum in Berlin sein kann – und wie entscheidend Austausch, Räume und Orientierung dabei sind. Genau hier setzte nawi.berlin an: Das Programm bot nicht nur physische Ressourcen wie Arbeitsplätze im Impact Hub Berlin, sondern auch Zugang zu einem starken Netzwerk und strategischer Unterstützung. Laura (klimaklitsche) und Lara (Artenglück) nutzten die bereitgestellten Offices als wertvollen Ort für Fokus und Begegnung. Margarete (Stark ins Neue) konnte durch die dort geknüpften Kontakte den nächsten Schritt Richtung Vereinsgründung gehen. All das zeigt, dass Programme wie nawi.berlin mehr sind als Förderinstrumente – sie schaffen die Voraussetzungen für echte Transformation: Sie geben Orientierung und bringen Menschen mit Haltung zusammen, die Wirtschaft neu denken und nachhaltiges Handeln konkret machen.