Das Angebot ihrer Meisterin kam für Katharina Pech wie ein Schock: Sie war erst im zweiten Lehrjahr, da bot diese ihr an, das Brillengeschäft allein weiterzuführen. „Ich konnte mir das erstmal überhaupt nicht vorstellen. Ich bin in der DDR geboren und mit dem Mindset aufgewachsen, dass es kein Privateigentum gibt“, erinnert sich die Optikermeisterin. „Auf der anderen Seite hatte mir meine Meisterin gespiegelt, dass ich das gut mache und sie hatte mich an allen Prozessen teilhaben lassen. Ich wusste, was die Einkaufspreise waren, wie eine Kalkulation funktioniert. Dann dachte ich mir: Wenn das jetzt so auf dem Silbertablett daherkommt, dann wäre ich einfach blöd, das abzulehnen.“
Mit Unterstützung ihres Mannes, ihrer Eltern und Schwiegereltern ließ sie sich direkt im Anschluss an die Lehre zur Meisterin fortbilden. 2007 nahm sie einen Kredit auf und übernahm das Geschäft – die BRILLENkammer in Berlin-Friedrichshain. „Am Anfang habe ich sechs Tage die Woche allein im Laden gestanden, ab und an unterstützt von einer 400€ -Kraft“. Mit der Zeit konnte Katharina Pech immer mehr Kund:innen von sich überzeugen, den Umsatz steigern. Gut 15 Jahre später läuft das Geschäft sehr gut und die Optikerin muss längst nicht mehr alleine hinter der Ladentheke stehen. Aktuell beschäftigt sie drei Mitarbeiter:innen, deren Wohlergehen und gute Integration in das Geschäft ihr sehr am Herzen liegen. Auch deshalb dachte die Unternehmerin mit steigendem Erfolg des Ladens immer intensiver darüber nach, wie sie ihr Geschäft sozial nachhaltiger aufstellen könnte.
Gemeinwohlberichte helfen Unternehmen, sich selbst auf den Zahn zu fühlen
„Ich bin gerne Unternehmerin, möchte gestalten und gute Arbeitsplätze schaffen. Zugleich wünsche ich mir, dass unsere Arbeit allen Beteiligten ein gutes Leben ermöglicht – meinen Mitarbeitenden, unseren Kund:innen, unseren Nachbar:innen.“ Um gut für ihre Mitarbeitenden zu sorgen und deren Zukunft langfristig abzusichern, erwog Pech zunächst, die BRILLENkammer in ein Verantwortungseigentum zu überführen, den Laden also gleichberechtigt mit ihren Angestellten zu verantworten. Im Zuge ihrer Recherchen zu sozialorientierten Formen des Wirtschaftens stieß die Optikermeisterin dann jedoch auf Ideen, die sie noch überzeugender fand: auf Ansätze der Gemeinwohlökonomie (GWÖ). Unternehmen, die nach solchen Modellen wirtschaften, richten all ihre Entscheidungen am Gemeinwohl aus – und stehen dafür auch öffentlich Rede und Antwort.
„Als Gemeinwohl-Unternehmerin bin ich unter anderem dafür zuständig, dass es mir und meinen Mitarbeitenden gut geht, dass wir unsere Kund:innen nicht über den Tisch ziehen und dass unser gesellschaftliches Umfeld im besten Fall davon profitiert, dass wir hier sind“,
erklärt Katharina Pech. Dass das auch tatsächlich der Fall ist, stellt sie seit einiger Zeit durch einen umfassenden Reflexionsprozess sicher, den sie alle zwei Jahre durchläuft. Konkret hat sie sich für ein GWÖ-Modell entschieden, das Gemeinwohlberichte vorsieht. In solchen erfassen Unternehmer:innen unter anderem Informationen zu Risiken in ihren Lieferketten, reflektieren die Auswirkungen ihres Betriebs auf die Umwelt und befassen sich mit der Frage, ob sie angemessene Maßnahmen zur Gesunderhaltung ihrer Mitarbeitenden ergreifen.

© Elisabeth Schöpe
Über das eigene Unternehmen zu berichten, hilft ins Handeln zu kommen
„Für kleine Betriebe wie meinen bietet es sich an, die Informationen für die Gemeinwohlberichte in einem sogenannten Peer-Prozess zusammenzutragen“, erklärt Katharina Pech. Angeleitet durch eine zertifizierte Beraterin finden sich hier mehrere Unternehmer:innen zusammen und setzen sich gemeinsam systematisch mit den sozialen und ökologischen Folgen ihres Handelns auseinander. Bei mehreren Treffen besprechen sie aktuelle unternehmerische Herausforderungen und tauschen sich über mögliche Lösungsansätze aus. Im Anschluss erstellt jedes Unternehmen seinen eigenen Gemeinwohlbericht.
„Für den Bericht bringe ich alle möglichen Zahlen zusammen – zum Beispiel die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit oder wie hoch der Strom- und Wasserverbrauch sind“, erklärt Katharina Pech. „Danach kommt dann ein Audit, bei dem jemand Externes alle meine Zahlen auf Stichhaltigkeit prüft.“ Ihren ersten Gemeinwohlbericht hat Katharina Pech 2022 auf der Homepage der BRILLENkammer veröffentlicht. Hierin führt sie zum Beispiel aus, dass das Optikgeschäft vorrangig mit deutschen und europäischen Lieferant:innen kooperiert und so Lieferwege kurzhält, Maschinen möglichst lange verwendet und auf die Anschaffung gebrauchter Geräte setzt, um Ressourcen zu schonen. Gemeinwohlberichte zu erstellen helfe ihr, unternehmerische Entscheidungen zu reflektieren und neue Ideen für ihr Geschäft zu entwickeln, so die Optikermeisterin.
Pech plant die Einführung eines solidarischen Bezahlmodells in der BRILLENkammer
Angeregt durch spannende Fragen zur Struktur ihres Unternehmens, die im Rahmen der Berichterstattung aufkamen, will Katharina Pech künftig Mitarbeitenden ermöglichen, noch barriereärmer Feedback zu geben und diese auch noch stärker in Entscheidungsprozesse einbinden. Zugleich möchte sie die solidarischen Bezahlmodelle des Geschäfts erweitern. Bislang bietet die BRILLENkammer so etwa Restbestände aus alten Kollektionen und Kinderbrillen zu vergünstigten Preisen an, um weniger finanzkräftige Kund:innen und Familien zu entlasten.
„Zukünftig möchte ich gerne, dass Menschen, die die finanziellen Möglichkeiten haben und bereit dazu sind, Erwachsenenbrillen für Menschen mitfinanzieren, die es nicht so dicke haben.“
Katharina Pech © Elisabeth Schöpe
„Würde ich einen GWÖ-Bericht nochmal machen? Da würde ich zu 150 % sagen: Ja, ich finde es super“, resümiert Katharina Pech. Zwar brauche es dafür die Bereitschaft, das eigene Handeln zu hinterfragen und sich Kritik auszusetzen, zudem koste das Verfahren viel Zeit. „Dennoch würde ich Unternehmen, die das ausprobieren wollen, uneingeschränkt zusprechen. Der Prozess ist unheimlich spannend und anregend und zugleich müssen wir auch einfach anders wirtschaften, wenn wir als Unternehmen überleben wollen. Sich am Gemeinwohl auszurichten, soziale und ökologische Folgen des eigenen Handelns immer mitzudenken, ist da für mich genau der richtige Weg.“
Diese Tipps gibt Katharina Pech Unternehmer:innen, die gemeinwohlorientierter wirtschaften wollen:
- Es gibt verschiedene Gemeinwohlmodelle, die Unternehmen dabei unterstützen können, ihr Geschäft sozial und ökologisch nachhaltiger aufzustellen. Informieren können sich Interessierte dazu sehr niederschwellig – z.B. bei nawi.berlin.
- Es ist eine gute Idee, sich mit anderen Unternehmen zusammenzuschließen, die ebenfalls stärker auf soziale und ökologische Aspekte achten möchten. In einem Peer-Prozess können sich Unternehmer:innen dann gegenseitig unter die Arme greifen.
- Allen interessierten Unternehmen empfehle ich, sich darüber hinaus auch immer wieder mit Unternehmer:innen kurzzuschließen, die schon etwas weiter, zum Beispiel GWÖ-zertifiziert sind. Viele sind gern bereit, ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu teilen. Auch auf mich können Interessierte da sehr gerne zukommen.